|
Ein kleiner Samen I Ein kleiner Samen
In die Erde gelegt
Kam zur Welt
Wuchs auf
In Regen und Wind
Überwand den Sturm
Streckte sich dem Licht entgegen
Mit seinen zerbrechlichen Blättern
Steht jetzt aufrecht
Strahlt sich der Sonne entgegen
Ein kleiner Samen hat sich stark gewachsen
Ein kleiner Samen II
Ein kleiner Samen
In die Erde gelegt
Kam zur Welt
In Regen und Wind
Überwand den Sturm
Wuchs auf von diesem harten Boden
Streckte sich dem Licht entgegen
Mit seinen zerbrechlichen Blättern
Steht jetzt aufrecht
Streckt sich der Sonne entgegen
Mit dem Willen zum Leben
Ein kleiner Samen hat sich stark gewachsen
Die Wurzel
Die Wurzel klammert sich fest in
der Erde
die vom Regen durchweicht
ist
welcher sich mehrere Stunden
lang ergoss
Ein Windstoss beugt den
Stängel hinunter in den Schlamm
als wollte er die Schönheit
zerbrechen
die in der Blüte wohnt
Aber so stirbt der Windstoss
und die Blume richtet sich
auf
Genauso stark
genauso schön
als wäre sie nie in Gefahr
ihr Gesicht zu verlieren
Ich wünschte ich hätte eine
solche Stärke
Kleine Dinge
Ich habe mich oft darüber gewundert
Wie die kleinen Dinge
Eine so große Leere hinterlassen können
Wenn sie verschwinden
Gnadenlos
Die kleine Blume vor dem Fenster
Die gestern in voller Pracht stand
Und heute weg ist
Der Schmetterling der vorbei flattert
Und weg ist indem ich blinzele
Und der Vogel der im Apfelbaum gezwitschert hat
Den ganzen Sommer hindurch
Verschwand mit dem Herbstwind
Kleine Dinge
Über die wir selten nachdenken
Bevor sie für immer verschwunden sind
Die Zeit 1
Du hast keine Zeit
Sagst du
Ich weiß
Du hast keine Zeit
Die Zeit hat dich
Die Zeit 2
Du hast keine Zeit
Sagst du
Eilst weiter
Vorbei an
Mir
Aber ich weiß
Du hast keine Zeit
Die Zeit hat dich
|
Am Zaum
In der Stadt aus der meine Mutter kommt
In einem Garten am Hafen
Haben schon immer Stockrosen
und Sonnenblumen
an einem weißen Zaun
gewachsen
welcher das Grün vor dem
grauen Asphalt abschirmte
Als Kind wurde ich
weitergezogen
von Erwachsenen die keine
Zeit hatten
die Blumen zu bewundern
die sich dem Himmel entgegen
streckten
und zu uns hinunter sahen
wie freundlich nickende
Riesen
Heute kann ich stehen
bleiben
den Garten bewundern
die Blumen ansehen die sich
noch immer
im Winde wiegen entlang des weißen Zaunes
Aber so klein sie jetzt
aussehen, wenn ich mich an die Riesen meiner Kindheit erinnere
Ich wünsche mir
Ich wünsche mir deine
Wurzeln
Wenn ich sehe wie tief sie
reichen
Hinunter in die Erde
Und eine Feste schaffen
Die sich nur schwer herausreißen lässt
Ich wünsche mir dein
Rückgrad
Wenn ich sehe wie aufrecht
du stehst
Du streckst dich hoch hinauf
über meinen Kopf
Schlank und hoch
Als könnte dich nichts
nieder brechen
Ich wünsche mir deine
Geschmeidigkeit
Wenn ich sehe wie du dich
beugen lässt
hinunter gegen den Boden vom
Wind
und dich dann weich
aufrichtest
wenn dieser abflaut
Ich wünsche mir deinen Stolz
Wenn ich sehe wie hoch du
dich wagst zu wachsen
Als wenn nichts mehr
selbstverständlich als das gerade du
deinen Kopf hoch über uns
andere heben sollst
Ich wünsche mir deine Demut
Wenn ich sehe wie du deinem
Kopf beugst
Zur Erde hinunter siehst
Und dein Gesicht vor der
Sonne verbirgst
Du kamst
Du kamst –
als die Sonne von einem
blauen Himmel strahlte
und der Garten in voller
Pracht blühte
- aber man trat dir mit
Kälte entgegen
Du bliebst - als die Tage kurz
wurden
und der Herbst das Laub
färbte
und der Himmel grau wurde
- und man trat dir noch
immer mit Kälte entgegen
Du reistet - nachdem der
erste Schnee gefallen war
und der Winter dich mit
seiner Kälte übermannte
- und du hast es
vielleicht geschafft ein paar Herzen zu wärmen
Gedanken
Es ist gesagt worden
Gedanken sind frei
aber was ist mit den Gedanken
die in unseren Köpfen gepflanzt wurden
gegen unsere eigene Gewissheit |